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Loben ist schwer, darum tun es so wenige!

15. April 2012 Kommentare ausgeschaltet

Es war am Ende des schrecklichen ersten Tages meiner Einweisung als Kellnerin. Mein Häubchen saß schief, mein sehr schönes Dirndl war voller Flecke, meine Füße schmerzten. Die beladenen Tabletts, die ich zu tragen hatte, wurden immer schwerer. Ich war müde und entmutigt und konnte offenbar nichts mehr richtig machen. Beim Ausschreiben der komplizierten Rechnung für eine Familie mit mehreren Kindern, die ihre Eisbestellung x-mal abgeändert hatte, war ich drauf und dran, alles hinzuwerfen.

Doch dann lächelte der Vater mir zu. „Gut gemacht”, sagte er, indes er mir ein Trinkgeld gab. „Sie haben uns wirklich ‘gut versorgt.”

Meine Müdigkeit war plötzlich verflogen. Ich lächelte zurück, und als mich der Geschäftsführer später fragte, wie mir der erste Tag gefallen habe, sagte ich: „Prima!” Ein Wort des Lobes hatte alles verändert.

Lob ist für den menschlichen Geist wie Sonnenlicht; fehlt es, so können wir nicht blühen und gedeihen. Und doch handeln die meisten von uns nicht danach. Während wir nur allzu rasch bereit sind, den kalten Wind der Kritik auf unsere Mitmenschen zu richten, zögern wir aus irgendeinem Grunde, ihnen den warmen Sonnenschein des Lobes zu spenden.

Warum eigentlich – wenn ein Wort solche Freude bereiten kann? Eine Freundin von mir, die viel in der Welt herumreist, versucht immer, sich wenigstens ein paar Wörter der jeweiligen Landessprache anzueignen. Sie ist alles andere als sprachbegabt, ein bestimmtes Wort aber – „schön” – kennt sie in einer ganzen Reihe von Sprachen. Wo immer sie sich aufhält, kann sie sich dein Ausländer an ihrer Seite zuwenden und beautiful, Beau, sinuk, bello, hermoso sagen – ein wahrhaft universales Lobeswort. Sie kann eine Mutter mit ihm erfreuen, die ihr Kindchen im Arm hält, oder einen einsamen Handelsvertreter, der Bilder von seiner Familie hervorkramt. Überall in der Welt hat sie sich damit Freunde gemacht.

Ein alter Landwirt, der schon fast fünfzig Jahre glücklich verheiratet ist, hat mir einmal gesagt: „Ich glaube, die besten Ehen sind im Grunde Gesellschaften zur gegenseitigen Bewunderung. Man sollte ruhig offen darüber sprechen. Meine Elsa hört von Zeit zu Zeit gern ein kleines Kompliment – und mir geht es genauso.” Mir fiel ein anderes Wort ein, nach dein Freundschaft „der nette Sport, sich gegenseitig zu loben” ist. Aber wie viele Frauen loben ihren Mann, wenn er vorsichtig gefahren ist? Wie viele Männer loben ihre Frau, wenn sie daran gedacht hat, den fehlenden Hemdknopf zu ersetzen?

Es ist merkwürdig, wie sehr wir mit unserem Lob geizen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass nur wenige ein Kompliment geziemend entgegenzunehmen wissen. Meist werden wir verlegen und tun die Worte, die wir in Wahrheit so gern hören, mit einem Achselzucken ab. Diese Abwehrhaltung erschwert natürlich sehr ein offenes Kompliment von Mensch zu Mensch. Zu den geschätztesten Worten der Anerkennung gehören deshalb jene, die uns auf Umwegen erreichen – brieflich oder über einen Dritten. Wenn man bedenkt, wie schnell sich abfällige Bemerkungen herumsprechen, kann man nur bedauern, dass nicht mehr Mühe auf die Weitergabe netter und schmeichelhafter Äußerungen verwendet wird.

Besonders lohnend – und willkommen – ist ein Wort des Lobes in Bereichen, in denen gute Arbeit meistens unbeachtet und unerwähnt bleibt. Wer zollte nicht dem Künstler Beifall, dem ein herrliches Bild gelungen ist, oder der Köchin, die einen vortrefflichen Auflauf auf den Tisch bringt! Aber haben Sie der Frau in der Wäscherei je gesagt, dass Sie sich freuen, wenn die Hemden tadellos gebügelt sind? Haben Sie die Zeitungsfrau je gelobt für die Gewissenhaftigkeit, mit der sie Ihnen dreihundertmal im Jahr Zeitungen und Zeitschriften bringt – oder haben Sie nur auf den Tag gewartet, an dem sie sich verspätete, und dann Ihren Zorn an ihr ausgelassen?

Ich habe mich einmal mit ein paar Hausfrauen darüber unterhalten, wie schwer es ist, ein wirklich gutes Steak zu bekommen. „Ich beschwere mich ständig bei meinem Metzger, aber es nützt nichts”, sagte die eine. „Ich werf’ es ihm einfach wieder hin oder stauche ihn zusammen, wenn es zäh ist”, sagte eine andere. „Und was machen Sie?” fragte ich meine Freundin, die immer großartige Steaks aufzutischen weiß. „Ja, was tu’ ich eigentlich?” erwiderte sie. „Ich glaube, ich lobe ihn ein bisschen, wenn es besonders gut ist.”

Doppelt empfänglich für Lob sind Menschen, deren Arbeit wenig Abwechslung bietet: Tankwarte, Kellnerinnen – oder auch Hausfrauen. Wer sagt schon, wenn er in ein Haus kommt: „Wie sauber das Zimmer ist!” Kaum einer. Eben deshalb wird die Hausarbeit auch als eine so elende Plackerei empfunden. Über relativ leichte und angenehme Verrichtungen wie das Arrangieren von Blumen fallen häufig anerkennende Bemerkungen, nicht aber über schwere und schmutzige Arbeiten wie das Schrubben von Fußböden. Bei Shakespeare heißt es: „Euer Lob ist unser Lohn.” Da das Lob nur allzu oft der einzige Lohn ist, den eine Hausfrau empfängt, sollte gerade sie in dieser Hinsicht nicht zu kurz kommen.

Mütter wissen instinktiv, dass ein Gramm Lob, wo es um Kinder geht, ein ganzes Pfund Schelte aufwiegt. Dennoch fehlt uns oft die Einsicht, nach dieser Erkenntnis zu handeln. Als sich meine Kinder einmal zankten, herrschte ich sie wütend an: „Könnt ihr denn nie Frieden halten, wenn ihr spielt?” Susanna sah mich spöttisch an. „Klar können wir das”, sagte sie. „Aber dann beachtet du uns ja nicht.” Ich beschloss, Wohlverhalten in Zukunft nicht mehr als selbstverständlich zu betrachten.

Die Lehrer sind sich über den Wert des Lobes einig. In einer pädagogischen Fachzeitschrift wurde darauf hingewiesen, dass ein Lehrer ungleich viel weiter kommt, wenn er in den Aufsätzen seiner Schüler nicht bei jeder kleinen Ungeschicklichkeit den Rotstift ansetzt, sondern nach zwei oder drei Dingen sucht, die besser gelungen sind als beim letzten Mal, und einige Worte der Anerkennung dazu schreibt. „Wenn ein Schüler etwas geleistet hat, was über seinem gewohnten Niveau liegt, dann weiß er das auch und wartet begierig auf eine kurze Randbemerkung, die ihm zeigt, dass der Lehrer sich gleichfalls darüber klar ist.”

Durch ungezählte Experimente ist erwiesen, dass jeder dazu neigt, eine Handlung, die eine angenehme Folge gehabt hat, zu wiederholen. Bei einem dieser Experimente – es wurde in Harrisburg in Permsylvanien angestellt – hatten Schulkinder, die man in drei Gruppen eingeteilt hatte, eine Woche lang jeden Tag eine Reihe von Rechenaufgaben zu lösen. Eine Gruppe wurde ständig gelobt für das, was sie geleistet hatte; die zweite Gruppe wurde kritisiert, die dritte bekam weder Lob noch Tadel zu hören.

Wie kaum anders zu erwarten, stiegen die Leistungen der Schüler, die gelobt wurden, steil an. Die getadelten Schüler wurden ebenfalls besser, jedoch nicht im gleichen Maße. Und die Kinder, die man hatte links liegenlassen, machten so gut wie keine Fortschritte. Bei den begabtesten Schülern erwies sich Kritik interessanterweise als ebenso förderlich wie Lob; dagegen wirkte sich Tadel bei den weniger aufgeweckten nachteilig aus – sie hatten Lob am nötigsten. Doch gerade sie werden in den meisten Schulen am allerwenigsten ermutigt.

Viele bescheidene Menschen haben von ihren Möglichkeiten keine Ahnung, bis jemand kommt, der sie durch eine anerkennende Bemerkung dazu bringt, sich in neuem Licht zu sehen. Das weltberühmte Photomodell Jean Shrimpton war ein schlichtes Mädchen vom Lande, das in der Stadt Stenographie zu lernen versuchte und nie auf den Gedanken gekommen war, an seinem Aussehen könnte etwas Besonderes sein. Eines Tages sprach sie bei einer Poloveranstaltung ein Fotograf an und sagte ihr, sie müsse sich unbedingt einmal als Photomodell versuchen. Ein paar Worte der Ermutigung, noch dazu von einem wildfremden Mann, haben ihr Leben verändert.

Loben kostet nichts als etwas Überlegung und ein wenig Initiative. Ein kurzer Anruf genügt, um eine Artigkeit zu sagen, und in fünf Minuten lässt sich ein verständnisvoller Brief schreiben. Wahrhaftig, der Aufwand ist gering, gemessen an seiner Wirkung. „Von einem guten Kompliment kann ich zwei Monate leben”, hat Mark Twain einmal gesagt.

Schärfen wir also unseren Blick für die kleinen rühmenswerten Taten um uns – und würdigen wir sie gebührend! Wir bringen dadurch nicht nur in anderer Leute Leben Freude, sondern mehren oft genug auch das eigene Glück.

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